Artikel 7/2016 Berichte über die Anwendung der Learning Toolbox in der Praxis – in der Ausbildung im Bau-ABC und an einer Baustelle in Verden

Pekka Kämäräinen

In den vorigen Artikeln habe ich über die Einführung der Learning Toolbox (LTB) in die Ausbildung  unserer Partnerorganisation Bau-ABC Rostrup (unten als Bau-ABC erwähnt) berichtet. Anfang September 2016 machte ich zusammen mit Markus Manhart (UIBK) und Jaanika Hirv (TLU) einen mehrtägigen Besuch im Bau-ABC, um Feedback über die Anwendung der LTB zu sammeln. Unten präsentiere ich zuerst Ergebnisse von einzelne Interviews mit Lehrwerkmeister sowie von Fokusgruppen mit Auszubildenden.

Kurz vor diesem Besuch hat unser Forschungsteam aus dem ITB einen Workshop für Vertreter der Handwerksbetriebe in Bau organisiert, um Anwendungsmöglichkeiten der LTB in Bauprozessen zu demonstrieren. In dem Workshop hat Architekt Thomas Isselhard aus unserer Partnerorganisation NNB (Netzwerk für Nachhaltiges Bauen), Verden, seine Erfahrungen über die Anwendung der LTB an einer Baustelle präsentiert. Er beschrieb lebendig, wie seine Organisation ganz einfach und unkompliziert mit der LTB angefangen hat.

Nach den Berichten über unsere Ergebnisse sowie über den Workshop werde ich zum Schluss diskutieren, wie unser Forschungsteam diese Ergebnisse und Erfahrungen interpretiert hat. Hier werde ich neben den Analysen auch Szenarien für weitere Arbeit mit dem LTB kurz skizzieren.

Fall 1: Learning Toolbox als Unterstützung des beruflichen Lernens

In den vorigen Artikeln der Learning Toolbox Chronik haben wir berichtet, wie Bau-ABC Lehrwerkmeister die LTB in deren Ausbildung eingeführt haben. In diesem Zusammenhang haben sie spezifische Stacks bzw. Tiles für die Projekte der Auszubildenden gebaut (über stacks und tiles, s. die Learning Toolbox online guide). Für die Verbreitung der Anwendung der LTB und zur Unterstützung der Lernprozesse der Auszubildenden wurden folgende Ansätze zu berufsübergreifender Kooperation entwickelt:

  • Die Pilotgruppe der Brunnenbauer hat in einem kurzen Zeitraum Projekte auch in den benachbarten Gewerken (Metalltechnik, Straßenbau, Rohrleitungsbau) durchgeführt. Um die Lernprozesse der Auszubildenden zu unterstützen, haben die Lehrwerkmeister die LTB-Stacks von benachbarten Gewerke nach ähnlichem Muster aufgebaut.

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Screenshot 1 und 2: LTB-Stacks für benachberte Gewerke – Brunnenbau und Rohrleitungsbau

  • Die Pilotgruppe der Zimmerer hat mit einem gemeinsamen Projekt mit den Maurern zum Thema “Holzrahmenbau” angefangen. Die Lehrwerkmeister haben für dieses fächerübergreifende Projekt eine Familie von miteinander verknüpften Stacks für Einzelgewerke sowie für gemeinsame Lerninhalte aufgebaut.

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Screenshot 3 und 4: Verknüpfte LTB-Stacks für ein gemeinsames Projekt (Zimmerer und Maurer)

Analysen und Szenarien

Die Analysen der Interviews mit den Lehrwerkmeistern sowie die Protokolle der Fokusgruppen haben interessante Unterschiede zwischen den pädagogischen Ansätzen der Lehrwerkmeister und den respektiven LTB-Stacks transparent gemacht.

  • Einige Lehrwerkmeister haben eine problemorientierte Strategie verfolgt. Die LTB-Stacks sollen eine umfassende Sammlung von Lernressourcen anbieten. Die Auszubildenden sollen sich zu selbstorganisierten Lernern entwickeln, um sich je nach Anforderung die relevanten Informationen zu holen. Die Auszubildenden haben solche Herausforderungen als Vorbereitung für Arbeitssituationen an fernen Baustellen verstanden, wo sie womöglich überraschenden Problemen begegnen. Für sie gilt die LTB zunächst als ‘Informationsquelle’.
  • Einige Lehrwerkmeister dagegen verfolgen eine interessenorientierte Strategie in der Unterstützung der Lernprozesse. Demgemäß sollen die LTB-Stacks zuerst eine beschränkte Anzahl von Lernressourcen anbieten. Die Lernenden sollen dadurch den Weg finden, ihre eigenen Lösungsansätze zu entwerfen. Danach bekommen sie Zugang zu weiteren Lernressourcen, um ihre Lösungen mit früheren zu vergleichen (und die als Alternativen statt Vorlagen zu betrachten). Auf diese Weise sollen die Auszubildenden ihre Lernwege Schritt für Schritt mit neuen Impulsen gestalten. In diesem Zusammenhang kann die LTB als ‘Gießkanne’ betrachtet werden.

Aufgrund solcher Erfahrungen kann man Szenarien für weitere Anwendungen der LTB auch  jenseits der beruflichen Erstausbildung skizzieren. Im Laufe des Projekts wurden einige Themengebiete diskutiert, in denen ein ähnlicher facharbeitergerechter online Zugang zu Informationen von Interesse wäre. Schon zu Projektanfang wurde das übergreifende Themengebiet ‘Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz’ erwähnt (s. Artikel 5/2016). Ein anderes Themengebiet ist die facharbeitergerechte Anwendung von DIN Normen in der arbeitsbezogenen Aus-und Weiterbildung.

In beiden Fällen ist es möglich einen selektiven Zugang zu geordnete Referenzmaterialien über eine Lernplattform (Moodle o.a.) zu unterstützen. Mit Hilfe von LTB-Stacks konnten die Anwender mit Hilfe einer Moodle Applikation (oder ähnlichen) die Ressourcen in einem Problemzusammenhang setzen (LTB als Informationsquelle’). Ein weiterer Ansatz in der Aus- und Weiterbildung besteht darin, die Lernenden angefangen mit einfacheren Aufgaben (Level 1) und je nach deren Fortschritt zu anspruchsvolleren Ebenen (Level n) weiter zu führen (‘LTB als Giesskanne’).

Fall 2: Anwendung der LTB an einer Baustelle – Making it happen!

Der zweite Fall basiert auf Thomas Isselhards Präsentation über die Anwendung der LTB als Unterstützung für die Koordination von Bauprozessen. Mit zwei Videos haben wir dokumentiert, wie er mit Hilfe der LTB Kommunikationslücken zwischen den beteiligten Fachkräften und anderen schließen kann (Video 1) und wie er neue Anwender von den Vorteilen der LTB überzeugen kann (Video 2).

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Screenshot 5 und 6:  Bereitstellen aktualisierter Pläne und Dokumente mit Hilfe von LTB

Die Beispiele, die Thomas präsentiert sind Situationen, in denen die Funktionalität der LTB geeignet ist, Informations- und Kommunikationslücken zu überwinden (durch bereitstellen von Plänen und Dokumenten in Echtzeit). Thomas zeigte, wie die LTB als integratives Toolset leicht an die Wünsche und Bedarfslagen der Anwender anzupassen ist. Er erzählt, wie die Einführung mit neuen Anwendern (Fachkräfte) im selben Zusammenhang stattfinden kann, wenn man die Daten für Arbeitsaufgaben bereitstellt. Mit konkreten Beispielen zeigte er, wie die Handwerker oder Unternehmer Zeit dadurch sparen, wenn sie jederzeit aktuelle Pläne und Dokumente mittels LTB finden. Dazu zeigte er, wie man mittels LTB Photos als Fortschrittsberichte aus der Baustelle in Echtzeit und an alle Beteiligten senden kann.

Reflexionen

Als Forschungsteam haben wir diese Fälle und einzelne Ergebnisse bzw. Erfahrungen auch mit Gedanken an unsere Hintergrundtheorien interpretiert:

  • Im ersten Fall  – in der Anwendung der LTB durch die Bau-ABC Lehrwerkmeister – erkennen wir ein Fallbeispiel für eine schrittweise digitale Transformation (nicht Revolution) sowie für digitale Unterstützung des arbeitsorientierten und beruflichen Lernens. Hier wollen wir betonen, dass die Lehrwerkmeister ihre Auszubildenden  herausfordern, sich als selbstorganisierte Lerner zu entwickeln und ihre Lernprozesse eigenständig zu gestalten. Mit der Einführung der LTB haben sie diesbezüglich mehr Gestaltungsspielraum bekommen – und die Auszubildenden fühlten sich ermuntert, diese Spielräume zu nutzen. Auf dieser Weise hat die Einführung der LTB die Kultur des handlungsorientierten Lernens im Bau-ABC verstärkt.
  • Im zweiten Fall – in der Anwendung der LTB auf der Baustelle– sehen wir einen Spezialfall, der Prozesse des organisationalen und inter-organisationalen Lernens in einem lokalen Zusammenhang transparent macht. Hier betonen wir, dass das gelingen ‘organisationalen Lernens’ nicht direkt das Ergebnis guter Management-Fähigkeiten bzw. guter Beratung ist. Aus unserer Sicht ist der entscheidende Punkt, die gelungene Interaktivität und Wissensteilung in der Kooperation zwischen Bauleiter, Handwerker und anderen beteiligten Interessenten.

Aus der Perspektive unserer Praxispartner-Organisationen können wir sehen, dass die LTB so weit entwickelt ist, um deren Bemühungen zu unterstützen bzw. deren Bedarfslagen entgegenzukommen. In dieser Hinsicht haben sowohl die Bau-ABC Lehrwerkmeister als auch die in Verden ansässigen Netzwerke ihre Herangehensweisen gefunden, die verschiedenen Funktionen für die Anwendungsfälle – Berufsausbildung bzw. Koordination der Bauarbeit – anzupassen.

Learning Toolbox (LTB) Chronik, Jahrgang 3, 7/2016

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