Geheimwaffen von Bau-Azubis an der Baustelle: Tablet-PCs gespendet von der Firma Skanska

(Frische Nachrichten aus dem Finnischen Pilotvorhaben mit Learning Layers Tools, veröffentlicht in Rakentaja 3/2015¹, Text und Bilder von Esa Tuominen, Übersetzung Pekka Kämäräinen, ITB)

Berufsschüler Santtu Järvinen, 17 (Hochbau) zieht Schrauben in die Gebäudehülle ein. Aber was macht gleichzeitig der Zimmerer Eero Luhtala? Na, Luhtala dreht mit einem nagelneuen Samsung Tablet-PC ein Video über Järvinens Arbeit. So entsteht ein Video über die Arbeiten des Berufsschülers an der Baustelle. Danach kann Järvinen das Video bearbeiten, Kommentare schreiben bzw. andere Notizen hinzufügen. Später empfängt auch Järvinens Berufsschullehrer das Video. Aufgrund der Videoaufnahmen kann der Lehrer einschätzen, welche Fortschritte der junge Mann während seinem Praktikum gemacht hat. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und ein Video mit Notizen noch mehr.

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Der Zimmerer Eero Luhtala dreht ein Video über die Arbeit des Praktikanten Santtu Järvinen. Die Dokumentation mit Video ist gnadenlos: man kann genau sehen, ob die Arbeit korrekt ausgeführt wurde.

Kommunikation zwischen Berufsschullehrer und Praktikanten/Azubis
Das Video wird an der Baustelle der Firma Skanska² in der Gemeinde Lempäälä gedreht. Es geht um die Erweiterung und Renovierung der Schule im Dorf Lempoinen. Neben den älteren Bauarbeitern sind auch zwei jüngere im Einsatz: Lauri Laulaja, 18, Berufsschüler/Azubi des dritten Jahres in Tampere Vocational College³ (Tredu) und Santtu Järvinen, Berufsschüler im zweiten Jahr in Valkeakoski Vocational College. Beide haben ein von der Firma Skanska gespendeten Tablet-PC als Unterstützung, wenn sie ihr arbeitsbezogenes Lernen für die Berufsschule dokumentieren.

Lauri Laulaja verbringt sein drittes Jahr mit einem Ausbildungsvertrag auf Baustellen in praktischer Arbeit und wird von einem Berufsschullehrer der Tredu betreut. Es geht um das aktuelle 2+1 Modell in der Berufsbildung. Santtu Järvinen ist in einem zweimonatigen Praktikum und hat vielleicht eine Chance für das dritte Jahr mit einem Ausbildungsvertrag von der Schulbank in die Produktion umzusteigen. Ein Tablet-PC scheint ein exotisches Instrument auf der Baustelle zu sein – da ist man eher z.B. an Druckluftnagler oder Wasserwaage gewöhnt. Und eigentlich benutzen Lauri Laulaja und Santtu Järvinen ihre Tablet-PCs nicht so sehr in der Bauarbeit sondern eher in der Kommunikation mit ihren Berufsschullehrern.

Für diesen Zweck entwickelt die Aalto Universität ein Video-Tool, mit dem einzelne Arbeitsphasen auf Video gespeichert werden können, und zwar so, dass man die Aufnahmen mit Zeichen und Erläuterungen ergänzen kann. Das Video wird an den Berufsschullehrer geschickt, der dann aus der Ferne den Fortschritt während des arbeitsbezogenen Lernens beurteilen kann. Der Name des Videoprogramms kommt ursprünglich aus Deutschland und heißt ”AchSo! Also, die Auszubildenden bzw. Berufsschullehrer werden jüngst nicht nur Fertigkeiten in der Bauarbeit sondern auch Fähigkeiten in der Gestaltung von Videodokumentationen erfordert.

”Ich glaube, dass das Tablet-PC ein funktionstaugliches Gerät ist. Und die Vorbereitung der Videoaufnahmen erfordert keine besonderen Fähigkeiten. Wir können ja selbst unsere Aufnahmen machen”, betonen Laulaja und Järvinen mit voller Selbstsicherheit. Und falls man nicht selber die Aufnahmen über aktuelle Arbeitsphase drehen kann, kann man den nächsten Arbeitskollegen als Kameramann engagieren: ”Ja, ich habe bisher keine Videos gedreht. Bisher war meine Frau eher zuständig fürs Fotografieren in unserer Familie. Aber das klappt doch, und ist nicht so sehr kompliziert”, meint der Zimmerer Eero Luhtala, der die Arbeit von Santtu Järvinen hinter dem Tablet-PC begleitet.

Man braucht Fachkräfte
Heikki Qvick, der Vertrauensmann der Pirkanmaa Region bei der Firma Skanska ist ein engagierter Befürworter für das aktuelle 2+1 Modell. Seiner Meinung nach ist zwei Jahre schulische Berufsbildung genug und das dritte Jahr sollte man dem arbeitsbezogenen Lernen unter Ausbildungsvertrag widmen. ”Ich habe selber in den vergangenen Jahren dutzende von Jugendlichen in die Bauarbeit beigebracht. Und auch ich habe damals als Lehrling angefangen. Ich war zuerst Hilfsarbeiter in der selben Arbeitsgruppe wie mein Vater und bekam ca. 85 % des Durchschnittslohns der Bauarbeiter mit einiger Erfahrung. So habe ich mich in den Beruf der Zimmerer eingearbeitet.”

Qvick macht sich Sorgen darüber, wie erfahrene Bauarbeiter (die demnächst in Rente gehen) ersetzt werden können. Seiner Meinung nach hat die Firma Skanska die Chancen der Lehrlingsausbildung gut verstanden und den Berufsschülern gute Gelegenheiten angeboten, das dritte Berufsschuljahr als Auszubildende am Arbeitsplatz zu verbringen. ”Die Firma Skanska verliert jetzt mehr Fachkräfte als man Nachwuchs rekrutieren kann. Alle Jugendlichen mit Ausbildungsvertrag haben eine weitere Beschäftigung in der Firma gut gefunden. Und in einer Studie unserer Gewerkschaft (Ende letzten Jahres) hatte man als Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Berufsschüler im Baubereich das dritte Lehrjahr eher in der Produktion, d.h. auf den Baustellen verbringen, wollen.”

In der Region Pirkanmaa hat die Gewerkschaft der Bauarbeiter zusammen mit der Firma Skanska sowie mit der Berufsschule ein Kooperationsvorhaben angebahnt, mit dem man das aktuelle 2+1 Modell in der Berufsbildung in der Baubranche fördern will. ”Die Berufsschüler haben entweder während des zweimonatigen Praktikums oder im Sommerjob (oder in beidem) genug Zeit zu zeigen, was sie drauf haben. Falls der Meister grünes Licht zeigt, kann der Jugendliche einen Ausbildungsvertrag für das dritte Jahr bekommen. Dann sucht man für ihn einen erfahrenen Bauarbeiter als unmittelbaren Arbeitskollegen, der gleichzeitig als sein Mentor im Training arbeitet,” erklärt Qvick, wie das 2+1 Modell in der Praxis umgesetzt wird.

Baubranche ist attraktiv für die Jugendlichen
Für Juha Laatu, Berufsschullehrer aus Tredu, ist es erfreulich, dass die Baubranche immerhin attraktiv für die Jugendlichen ist. ”Wir haben etwa ebenso viele Bewerber für die Programme in den Bauberufen wie vor ein Paar Jahren – und das ist recht gut so. Und die Anzahl Bewerber, die Bauberufe als erste Priorität angeben, ist etwa ebenso gross wie der Anzahl Plätze in der Berufsschule.” Laatu erzählt, dass 45 Berufsschüler der Bauberufe in Tredu während der letzten sieben Jahren eine Ausbildung gemäß dem 2+1Modell absolviert haben. Nur in der jüngsten Zeit hat die schlechtere Arbeitsmarktlage die Chancen des aktuellen 2+1 Modells ein bisschen geschmälert.

Abteilungsleiter Pentti Naukkarinen (aus Valkeakoski Vocational College) ist der Meinung, dass das aktuelle 2+1 Modell gut zu den verantwortungsvollen und aktiven Berufsschülern passt. ”So wie ich das sehe, hat sich das aktuelle 2+1 Modell als ein gutes Lösungsmodell neben einigen anderen neueren Modellen erwiesen. Ein Problem könnte sein, wenn ein 17-jähriger, sich noch nicht zu einem so langen Arbeitsvertrag verpflichten möchte, wie ein Ausbildungsvertrag drei Lehrjahre.”

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Lauri Laulaja (links) und Santtu Järvinen, Auszubildende bzw. Praktikanten im Baugewerbe präsentieren ihre exotischen Werkzeuge. Mit diesen iPads zeichnen sie auf, was sie während Arbeit gelernt haben. Dann schicken sie die Videos an ihre Berufsschullehrer zur Bewertung.

Die Jugendlichen auf der Baustelle für die Schule in Lempäälä – Lauri Laulaja und Santtu Järvinen haben sich klar für die Baubranche beworben und sind überzeugt, dass dieser Bereich ihnen am besten passt. ”Ich mag schon seid meiner Kindheit etwas mit eigenen Händen zu machen, theoretische Sachen waren nie meine Ding”, erzählt Laulaja. ”Bei mir ist es dasselbe, ich hatte nie Lust, tagelang auf dem Schulbank zu studieren, ich bin eher Praktiker”, fügt Järvinen hinzu. Laulaja hat noch nicht endgültig entschieden, in welchem Bauberuf er sich spezialisieren will. Zurzeit findet er die Karriere als Zimmerer eher attraktiv. So denkt auch Järvinen, dessen Meinung nach die Arbeitsaufgaben des Zimmerers reichlich Abwechslung bieten.

Die Jugendlichen die einen Ausbildungsvertrag haben, verdienen 10 Euro pro Stunde, das sind rund 1 700 Euro Bruttolohn pro Monat. Warum wollen einige trotzdem das letzte Lehrjahr auf der Schulbank mit knapperem Studiengeld als Einkommen verbringen? ”Vielleicht wollen sie nicht um sechs Uhr morgens aufwachen”, lacht Santtu Järvinen. ”Ja, das ist mir auch ein Rätsel. Ich habe doch ein Auto gekauft und das Benzin bezahlt, und das hätte ich nicht mit dem Studiengeld geschafft”, lächelt Lauri Laulaja.

 Bemerkungen an die Übersetzung ins Deutsch (PK)


¹ Rakentaja (Bauarbeiter) ist die monatliche Zeitschrift der Finnischen Gewerkschaft der Bauarbeiter, einer der stärksten Industriegewerkschaften in Finnland.
² Skanska ist eine internationale Baufirma mit Hauptsitz in Stockholm und mit Tochterfirmen überall in der Welt. Die finnische Tochter der Skanska ist eine der größten Baufirmen in Finnland.
³ Ich habe hier die offizielle englischen Bezeichnungen der Webseiten der respektiven Berufsbildungseinrichtungen benutzt. Wortwörtliche Übersetzungen ins Deutsch wären folgende: Tampere Region Berufsbildungsinstitut (Tredu) und Valkeakoski Institut für Berufs- und Weiterbildung. Beide sind öffentliche Berufsbildungseinrichtungen (mit Fokus in der Erstausbildung, aber mit zusätzlichen Angeboten in der Weiterbildung).
 Der Verfasser erwähnt Aalto Universität als zentraler F&U-Partner des Finnischen Pilotvorhabens. In diesem Zusammenhang wird nicht klar, dass das Tool (AchSo!) eigentlich in dem Zusammenhang des EU-Projekts Learning Layers entwickelt wird. Dieser europäische Hintergrund ist jedoch nebensächlich für die finnischen Leser der Zeitschrift des Gewerkschaft. Jedoch, in dem Learning Layers Projekt haben wir mehrere Partner mit dem Tool und dessen Entwicklung engagiert (inkl. RWTH, ITB, Agentur Nachhaltiges Bauen, Bau-ABC, RayCom, …).
 Pirkanmaa ist die Region rund um die Stadt Tampere. Die Gemeinde Lempäälä liegt südlich von Tampere und die benachbarte Stadt Valkeakoski süd-östlich von Tampere.
 Ich habe für die Übersetzung “das aktuelle 2+1 Modell” benutzt, um eine besondere Akzentverschiebung in der finnischen Berufsbildungspolitik deutlich zu machen. In den Jahren 1999-2000 wurde die Dauer der (weitgehend) schulischen Berufsbildung branchenübergreifend auf 3 Jahre verlängert und ein Praktikum von ca. 1 Jahr wurde fürs dritte Jahr vorgesehen(das ursprüngliche 2+1 Modell). Das aktuelle 2+1 Modell hat vor, die Dauer des arbeitsbezogenen Lernens mit Ausbildungsvertrag tiefer in der Arbeitswelt verankern. Durch diese Veränderung gelten die Berufsschüler während den arbeitsbezogenen Lernphasen nicht mehr als externe Arbeitskräfte (Praktikanten) sondern als Auszubildende des Betriebs (mit temporärem Arbeitsvertrag).

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